Der Ausdruck „Panorama“ wird heutzutage für einen weit reichenden Ausblick, für eine umfassende Sicht oder metaphorisch als „Gesamteindruck“ benutzt, dabei ist der eigentlich Begriff griechischen Ursprungs (pân hórâma = alles sehen) ein Neologismus und keine 230 Jahre alt.
Erstmalige Erwähnung findet er am 10.1.1792 erschienenen Oxford English Dictionary als „…ein Name erfunden von R. Barker 1789″. Eben dieser Richard Barker meldete 1787 ein Patent auf ein bildgebendes Verfahren an, das bald ein (heute in Vergessenheit geratenes) Massenmedium werden sollte. Ursprünglich als „la natur à coup d’oeil“ (=die Natur auf einen Blick) benannt, definierte er sein Patent als „an entire view of any country or situation, as it appears to an observer turning quite round“. Dieser Rundumblick erfasste das Panorama (-gemälde), ein den Zuschauer umgebendes, 360° umfassendes Bild, das die Horizontwahrnehmung des menschlichen Auges abbildete. Einer speziellen Kunstform der Landschaftsmalerei wurde mittels des Patentrechts hier das Attribut einer technischen Innovation zugesprochen.

 

Panorama_Querschnitt
Panorama Querschnitt mit Foyer (A), Zugang (B), Betrachterplattform (C), faux terrain (F), etc

Die Panoramen, deren Blüte im 19. Jahrhundert lag, waren eine Art Schule des Sehens, eine neue Erfahrung im Umgang mit (Ab-) Bildern, ein Basiskurs Medien. Tatsächlich lag diese Erfindung quasi in der Luft: Mit der Erfindung der Montgolfiere und der Eisenbahn, sowie der Idee des Reisens begann sich die Vorstellung des Horizonts in der aufgeklärt-bürgerlichen Bewegung auszubilden. Verschiedene perspektivische Verfahren bildeten das Rüstzeug für polyperspektivische Reproduktionen.

 

 

Und die neue gesellschaftliche Wahrnehmung erhob den Blick, stieg auf die Hügel ( so wie Goethe auf seiner „italienischen Reise“) und suchte begierig nach Bildern eben dieser Erfahrung von Urbanität, Bürgertum, Moderne.

Quasi über Nacht wurde eine mehr oder weniger bilderlose Gesellschaft mit den extremen Dimensionen der aus dem Boden schiessenden Panoramen konfrontiert:

 

Colloseum Panorama London 1829
Colloseum Panorama London 1829

Standardmaße von 15m Höhe und 115m Umfang, sprich 30m Durchmesser ermöglichten ein äußert immersives Bilderleben, denn mit zunehmender Grösse optimierte sich die Illusion der Realität, die Hauptzweck dieser Rundgemälde und dennoch „nur“ Inszenierung war:
„When I went there for the first time in the forties with my father – I was five or six years old at that time – I could feel myself beeing overcome by the frozen reality. As if I had been suspended in time. It took a while … before it dawned to me that this was a reality that could not exist. That incomprehension was magical for me… It has set a tone that resounds over and over again in my life and in my work. That near-religious experience of a miracle, which in the end turns out to be no miracle at all. The carefully reproduced reality that is in fact a trompe l’oeil. It was that experience in the Mesdag Panorama which first made me aware, as a child, that reality can seem more than it is. The Panorama was for me what a Mass is for another, the perception of another world, albeit in a secular sense.“ {zit. Paul Verhoeven, 1996, director: „Robocop“, Starship Troopers“, Showgirls“ etc}

Am Beginn der Moderne, der Industrialisierung und der Epoche der Mobilität wird dem Zuschauer ein visueller Aktionsraum geboten, der polyperspektivisch Vedute und Horizont vereint. Das Panorama gilt als erstes Massenmedium, sowie als Vorläufer von Kino und Vorstufe zur fotografischen Wahrnehmung als Reproduktionstechnik von Realität. Sind es zunächst Städte- und Landschaftspanoramen, die die Gunst der Zuschauer erfahren, so entwickeln sich nach und nach auch politische Inszenierungen von Geschichte, über religiöse Sujets bis hin zu Schlachten- und Kriegspanoramen.

 

Mit der Fotografie und darauf folgend dem Film verliert sich die Spur des Panoramas allmählich. Man kann es als eine Analogie und Vorform des sphärischen Bildes der VR Medien „lesen“.

 

Das Bourbaki Panorama (1889), Luzern

Heutzutage sind nur noch sehr wenige der ehemals unzähligen Panoramen erhalten (u.a. das Mesdag Panorama in Schevening, NL, auf das sich P. Verhoeven bezieht). Mein Favorit unter den noch Existierenden ist das Bourbaki Panorama in Luzern, das weniger durch seine Grösse, als vielmehr durch visuelle und erzählerische Qualitäten wirkt.

 

und noch etwas:

Hort der Panoramapostkarte